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Chaos bei Schanigärten: Wer ist verantwortlich?

Chaos bei Schanigärten: Wer ist verantwortlich? published on

Text: Pepo Meia, Niels Cimpa, David Herrmann
Behörden überfordert – Wer achtet auf Barrierefreiheit?
Seit rund einem Jahr sind wir mit den Wiener Magistratsabteilungen telefonisch und schriftlich wegen nicht-barrierefreien Schanigärten in Kontakt. Neben vorbildlichen Beispielen, sieht man immer mehr Schanigärten mit Podesten, die keine Zugänglichkeit für mobilitätseingeschränkte Personen vorsehen (Podeste mit bis zu 18 cm hohen Stufen).

Scheinbar haben wir mit dieser Thematik in ein Wespennest gestochen, denn wir hätten nicht gedacht, dass seitens der Behörden so „gemauert“ wird. Dabei sind die sogenannten Schanigärten nur eine „Nebenfront“ beim Kampf für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben.

Den letzten BMIN-Artikel zum Thema: „Neuer Schanigarten wieder nicht barrierefrei“ vom 8. Juni 2020 haben wir ebenfalls an die zuständige Magistratsabteilung gesendet und erhielten folgende Antwort am 24. Juni 2020 (GZ. 505266-20 auszugsweise): 

„Zu Ihren Schreiben vom 10. und 12. Juni 2020 wird seitens der Magistratischen Bezirksamtes wie folgt Stellung genommen:
Betreffend des Schanigarten „Venuss“ wird mitgeteilt, dass sich dieser auf Privatgrund befindet und daher keine Bewilligung erforderlich ist.

Für den Schanigarten „One Night in Bejing“ kann mangels rechtlicher Grundlage nach dem Gebrauchsabgabegesetz (GAG), wie bereits von Ihnen ausgeführt, keine Barrierefreiheit vorgeschrieben werden. […]“

Schon im BMIN-Artikel vom 29. Juli 2019 Schanigartenrichtlinie wird ignoriert“ zeigten wir auf, dass nicht-barrierefreie Schanigärten als „auflagenkonform“ bewilligt wurden (GZ.: MA 59-L-657048-2019-MA).

Als das Problem 2020 noch immer akut war, haben wir viele Beispiele von nicht-barrierefreien, aber scheinbar auflagenkonformen Schanigärten an die zuständigen Stellen – auch an die Wirtschaftskammer – und politisch Verantwortlichen gesendet.

DI Walter Ruck (WKW) hat zweimal geantwortet (1. Juli und 10. Juli). Seitens der WKW kommen keine Verbesserungsvorschläge. Stattdessen will man den jetzigen Status beibehalten. Er schreibt wörtlich am 1. Juli: „Das GAG ist ständig auf unserem Radar, hier gibt es einige Änderungswünsche, nicht nur zur besseren Berücksichtigung der Nöte der mobilitätseingeschränkten Personen.“
Und am 10. Juli: „Das GAG sollte lediglich die Gebühren für die Nutzung des öffentlichen Raumes regeln, alle weiteren Regeln sind bereits in anderen Gesetzen enthalten. Eine Wiederholung würde nur die Verständlichkeit von Gesetzen erschweren, was nicht in unser aller Interesse liegen kann.“ Anm.: Aber selbst das Informationsvideo der WKO weist kurz darauf hin, dass ein Schanigarten max. 3 cm Stufenhöhe haben darf (www.wko.at/wien/schanigarten).

Am 31. Juli 2020 erhielten wir auch ein Antwortschreiben des Sozialministeriums (Ministerbüro Anschober – GZ: 2020-0.420.850 – auszugsweise):
„…Ihr Anliegen ist nachvollziehbar und aus behindertenrechtlicher Sicht sollten die von Ihnen geschilderten Unannehmlichkeiten und Barrieren nicht mehr bestehen. Wie Sie selbst wissen, fällt Ihr Anliegen in erster Linie in die Zuständigkeit des Landes Wien.[…]“

„Zurzeit arbeitet unsere Abteilung im regelmäßigen Austausch mit den anderen Bundesministerien sowie mit den Ländern als auch den Stakeholdern aus der Disability Community an der Erstellung des neuen Nationalen Aktionsplans Behinderung. Auch im neuen NAP Behinderung wird das Thema „Verbesserungen im Behindertengleichstellungsrecht“ thematisiert werden. Entsprechende Vorschläge für den neuen NAP werden regelmäßig, in und mit der Disability Community, diskutiert. […]“

„Seien Sie versichert, wir werden Ihre Anregungen und Ihre Beschwerde bezüglich der leider noch immer alltäglichen Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen in künftige Überlegungen und Dialoge miteinbeziehen. […]“

Die Foto-Galerie zeigt aktuelle Beispiele aus dem 3ten, 9ten, 19ten und 20sten Wiener Gemeindebezirk:

Wer achtet auf Barrierefreiheit?
Wie wir erfahren haben, gibt es in ganz Wien keine Stelle, die Barrierefreiheit regelt und überprüft. Es gibt nur beratende Stellen.

Anm.: Dieser Zustand ist untragbar, denn dies bedeutet, dass jeder Schanigarten mit Stufen privatrechtlich von den Betroffenen geschlichtet und im Endeffekt eingeklagt werden müsste. Menschen mit Behinderung sind nicht verantwortlich für Einhaltung der Rechtsnormen.

Egal welche rechtlichen Rahmenbedingungen vorliegen, es kann jedenfalls nicht rechtskonform sein, wenn die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung nicht ausgeschlossen werden kann. Ausnahmen dürfen nicht zur Regel und die Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen nicht salonfähig gemacht werden.

Es kann nicht so schwer sein, einen Schanigarten barrierefrei zu gestalten, da weder der Denkmalschutz noch der finanzielle Aufwand ein unüberwindliches Hindernis sein dürften. Offensichtlich gibt es da keine kompetente Beratung.

Uns ist bewusst, dass sich die Gastronomie derzeit in einer Krise befindet, jedoch auch Menschen mit Behinderungen können einen Beitrag zur Belebung der Wirtschaft leisten. Außerdem sollen auch behinderte Menschen die Möglichkeit haben, speziell wegen COVID 19, sich im Freien aufzuhalten. Dazu gehören auch barrierefreie Schanigärten.

Auf eine Stellungnahme des zuständigen Stadtratbüros Hebein – MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung), MA 19 (Architektur und Stadtgestaltung) und der MA 28 (Straßenverwaltung und Straßenbau) – warten wir schon seit über zwei Monaten, obwohl wir sogar mehrfach beim Stadtratbüro urgiert haben. Mündlich wurde uns eine Stellungnahme mehrmals zugesagt.

Gürtel-Pool: Kein Badespaß für Menschen mit Behinderung

Gürtel-Pool: Kein Badespaß für Menschen mit Behinderung published on

Text: Pepo Meia, Marlen Senmau
Hat man auf behinderte Menschen vergessen – oder ist dies Wahlkampfaktionismus?
Da wir soviel über den sogenannten „Gürtel-Pool“ gelesen haben, haben wir uns dies Ende August 2020 angesehen. Das Schwimmbecken ist sehr klein – Eine Hebeplattform ist technisch möglich. Ob im kleinen Pop-up-Pool tatsächlich ein Badespass auch für Rollstuhlnutzer entstehen kann, sei dahingestellt.

 

Cooler Park?
Auch die 14 Sprüh-Nebeldüsen, die seit kurzem in einem Park in Heiligenstadt aufgestellt wurden und 24 Stunden bei jedem Wetter (auch bei Wind und Regen) Wasser versprühen, sehen nicht alle Bürger positiv (Wasserverschwendung). Das Ein- und Ausschalten solcher Anlagen kann man sicherlich technisch lösen.

Artikel zum Thema:
In den Gürtel-Pool dürfen nur 6 Personen (OE24 vom 7. Aug. 2020)
Der Gürtel-Pool ist eröffnet: Fünf Minuten Badespaß (Kurier vom 8. Aug.2020)
Teurer Spaß „Gürtelfrische West“ (Wiener Zeitung vom 11. Aug. 2020)
Was alles im Wiener Gürtel-Pool schwimmt… (Krone vom 22. Aug. 2020)
Gürtel-Pool erfrischt ab September an neuem Standort (Heute vom 24. Aug. 2020)

Weltmuseum Wien: Sensationeller Plattformlift beim Haupteingang

Weltmuseum Wien: Sensationeller Plattformlift beim Haupteingang published on

Text: Pepo Meia
Denkmalgeschützt und Zugang trotzdem barrierefrei
Oft scheitern barrierefreie Maßnahmen am Denkmalschutz. Bei der Neugestaltung des Weltmuseums Wien ist man jedoch diesbezüglich kompromisslos – auch international vorzeigbar – vorgegangen. Der technisch ausgereifte Plattformlift beim Haupteingang ist eine Sensation und habe ich so noch nie gesehen.

Das Weltmuseum Wien wurde von 2014 bis Ende 2017 von Grund auf neu konzipiert. Nach drei Jahren Umbau wurde das neue Weltmuseum, am 25. Oktober 2017, mit einer spektakulären Show von Andre Heller (Open-Air Eröffnungsshow am Heldenplatz), von Bundespräsident Alexander Van der Bellen wiedereröffnet. 

 

Der Haupteingang des Museums ist mit Hilfe eines Plattformlifts seit der Wiedereröffnung stufenlos erreichbar.

Das von BIZEPS produzierte Video zeigt die Funktionsweise des kaum sichtbaren Liftes. Er ist in den Boden eingelassen. Die Plattform kann selbstständig und einfach bedient werden. Für die Betätigung gibt es eine entsprechend gekennzeichnete Säule (auch ohne Euroschlüssel möglich). Der Plattformlift fährt aus dem Boden, die Plattform schiebt sich nach vor, die Stufen am Eingang können überwunden werden. Die Türen zum Kassabereich öffnen sich automatisch.
Genau nach demselben Prinzip funktioniert es, wenn man wieder rausfahren möchte. Auch im Inneren des Gebäudes gibt es eine Säule zum Rufen des Plattformliftes.

Eintrittspreise:
Erwachsene  € 12,-
Ermäßigt € 9 – (Rollstuhlnutzer mit Behindertenausweis); Die benötigte Begleitperson darf gratis ins Museum.
Mehr Infos siehe auch: Barrierefrei ins Weltmuseum Wien

Anm.: Für eine Tourismusstadt wie Wien sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die barrierefreie Zugänglichkeit in allen Museen so kompromisslos zu verwirklichen, wie beim Weltmuseum am Heldenplatz. Dazu müssen jedoch auch die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Artikel zum Thema:
Weltmuseum denkmalgeschützt und Zugang trotzdem barrierefrei (BIZEPS-online vom 19.08.2020)

Donauinsel: Neue Schilfhütte barrierefrei zugänglich

Donauinsel: Neue Schilfhütte barrierefrei zugänglich published on

Text: Pepo Meia und Niels Cimpa
Barrierefreiheit im gesamten Lokalbereich
Wie die Medien seinerzeit ausführlich berichtet haben, ist die alte Schilfhütte 2017 abgebrannt. Nach einem neuerlichen Brand 2019 musste die beliebte Lokalität auf der Donauinsel völlig neu errichtet werden. Nun ist die neue Schilfhütte wieder in Betrieb.

 

Nach einem Lokalaugenschein im August 2020 können wir bestätigen, dass man völlig problemlos in den Gastgarten kommt und dort auch gemütlich essen kann. 

Die Lokalität ist noch nicht ganz fertig – das Behinderten-WC ist zwar in Betrieb, jedoch war es an diesem Tag nicht zugänglich. Es sollen auch bald wieder Veranstaltungen stattfinden. 

Nöbauer in Grinzing – nicht barrierefrei aber…

Nöbauer in Grinzing – nicht barrierefrei aber… published on

Text: Pepo Meia, Niels Cimpa
Traditionelle Konditorei mit Schanigarten in der Hofeinfahrt
Ein Aktivist machte uns darauf aufmerksam, dass die Konditorei Nöbauer in Grinzing (Wien – Döbling) trotz Umbaus nicht barrierefrei zugänglich sei.

Nach einem Lokalaugenschein können wir das bestätigen. Der Eingangsbereich hat eine kleine Stufe und zusätzlich zwei kleine Stufen nach innen. Ein barriefreier Umbau wäre zwar möglich, jedoch sehr kostenintensiv. “Vor 13 Jahren wurde umgebaut – damals hat man an Barrierefreiheit noch nicht so gedacht“ sagte die hübsche Kellnerin und meinte weiter: „Der Chef wird beim nächsten Umbau der Lokalität sicherlich darauf Rücksicht nehmen…“ und sie zeigte uns noch einen Zugang zum Lokal mit Stufe in der Hofeinfahrt. Wir waren überrascht…

Schanigarten in der Hofeinfahrt
Seit etwa einem halben Jahr gibt es einen schattigen Schanigarten in der Hofeinfahrt. Unscheinbar und versteckt. Ein Insider-Tipp von der freundlichen Kellnerin.

Anm.: Die Stufe in die Konditorei könnte man bei einem neuerlichen Umbau mit einem Rampenbau überwinden. Somit könnte man dann mit Rollator und E-Rollstuhl auch im Winter ohne Probleme über die Hofeinfahrt ins Lokal gelangen.

Als Übergangslösung schlagen wir eine fixierbare transportable Behindertenrampe vor.

Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) ist nach einer 10-jährigen Übergangsfrist seit 1.1.2016 voll in Kraft. Die Bestimmungen im BGStG gelten insbesondere für Unternehmen, die Waren, Dienstleistungen oder Informationen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Natürlich sind die Bestimmungen zur Barrierefreiheit für neu errichtete Gebäude anzuwenden.

Groll: Herr Braun und die zweite Welle

Groll: Herr Braun und die zweite Welle published on

Text: Erwin Riess
Herr Groll traf den Dozenten auf dem Julius Tandlerplatz im neunten Wiener Gemeindebezirk. Der Dozent hatte den Wunsch, das Café Brioni kennenzulernen, in dem Heimito von Doderer verkehrt hatte. Er würde gern dem Genius loci nachspüren. 

Er müsse ihn enttäuschen, erwiderte Groll. Das Café existiere nicht mehr. In seinen Räumlichkeiten befinde sich jetzt ein Wettlokal des Novomatic-Konzerns. Im Übrigen sei Doderer schon 1933 der illegalen NSDAP beigetreten, man möge ihn mit diesem Nazi-Parteigänger in Ruhe lassen. 

Sie suchten eine ruhige Bank vor dem Franz-Josephs Bahnhof auf und nahmen in gehörigem Abstand von einander Platz. 

„Wussten Sie, dass das Brioni 1913 eröffnet wurde?“, sagte Groll. „Im selben Jahr kam Siegfried Braun aus Olmütz neunzehnjährig nach Wien. Der Pionier der österreichischen Behindertenbewegung stammte aus Olmütz/Olomouc in Mähren. 

Infolge seiner Behinderung musste er in einem „Siechenhaus“ Logis nehmen. Nach dem Krieg organisierte er einen Unterstützungsverein für behinderte Menschen, schuf für seine Kolleg_innen mehrere Werkstätten, eröffnete in einem ebenerdigen Lokal im Prater ein Beratungsbüro und gab bis 1929 die Zeitschrift „Der Krüppel“ heraus. 

Eine anfängliche Nähe zur Sozialdemokratie wich zunehmender Distanz. Die Haltung führender Sozialdemokraten des Roten Wien, vor allem des legendären Gesundheits- und Fürsorgestadtrats Julius Tandler, stand der Selbstbestimmung behinderter Menschen diametral entgegen. Es gibt von Tandler hässliche Aussagen, die im Hauptstrom eugenischer Politik in Westeuropa und den USA lagen. 

Für behinderte Menschen war in diesem Weltbild kein Platz. Sie liefen Gefahr, einer vorgeblich modernen Vernunft und einem verbesserten ,Volkskörper‘ geopfert zu werden. Wohin diese Auffassung schließlich führte, wissen wir. Und so erging es auch dem Pionier der österreichischen Behindertenbewegung. Nach dem Einmarsch der Nazis wurde er nach Theresienstadt gebracht und von dort nach Auschwitz, wo er vergast wurde. Dass ihm und seiner Mitstreiterinnen über all die Jahrzehnte nicht einmal von den antifaschistischen Organisationen und den Behindertenverbänden der Zweiten Republik gedacht wurde, zeigt nur ein weiteres Mal, wie tief die Zweite Republik bis herauf in die 1990er Jahre mit beiden Beinen im braunen Sumpf steckte.“ 

Der Dozent nahm eine Eintragung in seinem Notizbuch vor. Groll fuhr fort: „Es waren aber nicht nur deutsche, niederländische, belgische, französische und englische Eugeniker, die selbständige Lebensformen behinderter Menschen bekämpften, sondern auch Schweden, das Mutterland des ,Volksheim-Sozialismus‘, also des modernen Sozialstaats, praktizierte eine für behinderte Menschen fatale Politik. Der Vorsitzende der schwedischen Sozialdemokraten, Hjalmar Branting, war ein ebenso entschiedener Vertreter der behindertenfeindlichen Politik wie seine kontinentaleuropäischen und englischen Kollegen. 

Aber auch in der Sowjetunion hatten behinderte Menschen keine Zuflucht. Bekannt ist die Tragödie von Nasino, wo im eisigen Frühling des Jahres 1933 am sibirischen Ob neben angeblich kriminellen und parteifeindlichen Menschen auch behinderte Menschen auf einer Insel inmitten des großen Stroms ausgesetzt wurden, worauf sie zu Tausenden verhungerten oder Opfer von Kannibalismus wurden.“ 

Nachdem der Dozent eine Eintragung in seinem Notizbuch vorgenommen hatte, sagte er: „Es ist erschreckend, dass die eugenische Haltung während der gegenwärtigen Pandemie wiederauflebt, und das gerade wieder in Schweden. Ältere Menschen – unter ihnen viele Behinderte – werden zum Abschuss freigegeben. Schweden hat pro Kopf der Bevölkerung neunmal so viel Tote wie Finnland, das früh strenge Maßnahmen ergriff und sechsmal so viel wie Österreich. In England und den USA ist die Lage ähnlich, von Italien und Spanien ganz zu schweigen. Aber auch in Deutschland und Österreich melden sich die Eugeniker zu Wort, denken Sie an den grünen Bürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, an die Identitären und Martin Sellner, die in Wien Demonstrationen gegen die Schutzmaßnahmen organisieren und an Herrn Kickl von der FPÖ, ja sogar der Gesundheitsökonom Pichlbauer bekämpft die Schutzmaßnahmen der Regierung.“ 

„Ein feiner Herr, fragt sich nur, wessen Anwalt er ist“, sagte Groll. „Die zweite Welle ist längst unter uns. Sie ist behinderten- und altenfeindlich und breitet sich rasch aus. Das Virus und die Eugenik sind kommunizierende Gefäße. Jetzt, da die Welle der Kosten-Nutzen-Rechnung für menschliches Leben über Europa schwappt, möchte ich nicht in meiner Haut stecken.“ 

Ein Lastkraftwagen der Müllabfuhr näherte sich rasch. Herr Groll und der Dozent flüchteten zum Donaukanal. 

Erschienen in der Zeitschrift „Stimme“ in der Spezialausgabe #115 – „100 Jahre Behindertenbewegung

Die Lügen der Wohlfahrtsverbände

Die Lügen der Wohlfahrtsverbände published on

Text: Raul Krauthausen (ein Kommentar)
Wer erst “Barrieren in den Köpfen” beseitigen will, betreibt die gleiche Augenwischerei wie Weiße, die nichts gegen ihren Rassismus tun wollen.

Ich kann diese Plakate nicht mehr sehen. Sie lächeln mich auf der Straße an, von Litfaßsäulen herab grüßen Gesichter glückliche Erwachsene und noch glücklichere Kinder. Aufklärung soll das sein.

Fast alle Wohlfahrtsverbände in Deutschland argumentieren, man müsse sensibilisieren, für die Belange der Menschen mit Behinderung. Verständnis für sie wecken.

Letztendlich wollen sie darüber aufklären, dass Menschen mit Behinderung auch Menschen sind. Für diese Binse investieren sie Millionen von Euro in Werbekampagnen, und dann sind Deutschlands Straßen voll mit lächelnden Gesichtern – eindimensional auf Papier und damit in Parallelgesellschaften wie den isolierten Werkstätten und Wohnheimen eingerahmt, während nicht wenige Gebäude in der dreidimensionalen Welt dieser Straßen kaum barrierefrei sind, was eines der Probleme ist, um die wir uns zuallererst kümmern sollten.

Es ist zum Mäusemelken
„All diese Kampagnen und das Gerede über Inklusion verschieben ein wichtiges Problem auf den Sankt-Nimmerleinstag: elementare Rechte von Menschen mit Behinderung werden ignoriert.“

Müssen wir etwa Männer dafür sensibilisieren, dass Frauen auch Menschen sind? Oder dass Nichtdeutsche auch Menschen sind? Hat sich ein einziger Nazi durch das Anschauen eines Plakats gedacht: „Stimmt, Ausländer sollte ich eigentlich nicht jagen …“?

Let’s meet
Was einen Rassisten vielleicht bekehrt, ist die Begegnung. Das schafft eine Chance. Wenn also Wohlfahrtsverbände lamentieren, man müsse erst einmal “die Barrieren in den Köpfen” der Gesellschaft abbauen, dann irren sie.

Erst einmal müssen die Schulen barrierefrei gemacht werden, die Straßen und die Verkehrsmittel – damit wir uns überhaupt begegnen können. Nur dann können wir uns um die Barrieren in den Köpfen kümmern.

Wohlfahrtsverbände aber lamentieren über den zweiten Schritt, um den ersten nicht machen zu müssen. Sie irren absichtlich – und damit lügen sie. Denn so bleibt alles, wie es war. Und das bedeutet: Keine Überlegenen ohne Unterlegene.

Der Forschungsbereich Critical Whiteness beschäftigt sich mit dem Weißsein als Norm, welche Privilegien mit sich bringt. Die Mehrheit schafft dadurch strukturierte Ungleichgewichte und eine Überlegenheitsposition von Weißen, über die sie wenig nachdenken. Wer nicht zu den Weißen gehört, muss sich dann stets mit dem Rassismus auseinandersetzen, ob er will oder nicht. Denn der ist da.

Letztlich werden People of Color in den Köpfen als fremd eingestuft. Damit schafft das Weißsein einen unsichtbaren Maßstab für das Leben in Deutschland. Und es werden haufenweise Klischees geschaffen, bewusste und unbewusste (Stichwort: „Stuttgarter Randale“), die gefährlicher sind als die offene Anfeindung eines „Ausländer raus“ brüllenden Nazis, weil man Journalisten oder Oberbürgermeistern eher glaubt. 

Diese Normen des Weißseins lassen sich auch nicht erfolgreich ausblenden, denn Aussagen wie “Ich sehe keine Hautfarben” oder “Für mich sind alle Menschen gleich” verwischen die Diffamierungserfahrungen, die Menschen machen und münden in Ignoranz. Daher hören wir nun allerorten, dass Weiße hinhören sollen, sich zurücknehmen sollen, Begegnungen zulassen sollen.

Ein Problem
Weiße leben in einer Gesellschaft, in der sie sich wohl fühlen können, denn sie sind stets repräsentiert, da drängt sich die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Rassismus nicht durch die Vordertür auf. Weist man sie dann auf rassistisches Verhalten hin, reagieren sie zuweilen pikiert bis ablehnend. Will man ja nicht hören.

Übrigens sehen Weiße sich natürlich als Individuen, während People of Color von ihnen als Mitglieder einer Gruppe wahrgenommen werden. Linke und Liberale schließlich sollten nicht so tun, als könnten sie nicht rassistisch sein – das macht sie nur weniger offen und verschärft das Problem.

Auf und zu einer Schublade
Was dieser Exkurs soll? Ich werde ihn nun in die Lebenserfahrungen übersetzen, die Menschen mit Behinderung machen.

Norm in Deutschland ist, dass man nicht behindert ist. Menschen ohne Behinderung schaffen ein strukturiertes Ungleichgewicht, in dem Menschen mit Behinderung als anders wahrgenommen werden. Menschen mit Behinderung müssen bangen und kämpfen, damit sie eine Schulbildung und eine Chance auf dem Arbeitsmarkt wie die „Anderen“ erhalten.

Sie müssen sich jeden Tag mit Diskriminierung auseinandersetzen: Wenn sie zum Beispiel irgendwo nicht weiterkommen, wenn man sie bevormundet oder über sie hinweg sieht. Immerhin blicken Menschen mit Behinderung auf eine lange Geschichte der Aussonderung zurück. Sie wurden früher weggesperrt und in der Nazizeit gar massenhaft ermordet, und heute leben und arbeiten sie oft isoliert in Sondereinrichtungen.

Dieser unsichtbare Maßstab hat Folgen. Denn wenn eine Behinderung als eine Abweichung wahrgenommen wird, setzt sich das medizinische Modell von Behinderung durch: Dann ist Behinderung ein Mangel, eine Krankheit. Dies aber stimmt meist nicht mit den eigenen Realitäten der Menschen überein, die mit ihrer Behinderung leben und sie als Teil ihrer Identität kennen.

Und auch wir haben unsere Journalist*innen und Oberbürgermeister*innen, die zu einer verfahrenen Situation beitragen: Werkstätten für behinderte Menschen genießen einen guten Ruf, obwohl sie in Wirklichkeit unterfordernde Sondereinrichtungen sind. Endlos sind die Tiraden in der Mehrheitsgesellschaft, die davon labert, wie „gut eingebunden“ man durch die Werkstatt in die Arbeitswelt sei.

Es ist auch falsch,  von einer „Farbblindheit“ zu sprechen und alles zu verwischen, weil ja jeder irgendwie eine Behinderung habe – denn so wird auf Diffamierungserfahrungen ein Deckel gestülpt, ein Diskurs unterbunden.

Vor allem Menschen, denen eine Behinderung fehlt, sind die, die über Menschen mit einer solchen reden. Sie beurteilen und legen fest. Daher gibt es nun den Appell, dass sie sich zurücknehmen sollten, zuhören sollten: Nichts über uns, ohne uns! Das geschieht nicht folgenlos.

Wer einen Menschen ohne Behinderung auf sein Fehlverhalten hinweist, etwa auf Bevormundung oder ungefragtes Berühren, hört zuweilen pikiert: „Ich wollte doch nur helfen“ – und man ist in der Ecke des undankbaren, griesgrämigen Krüppels. Von Linken und Liberalen können wir auch manches Lied singen. Da gibt es die Helikopter-Eltern, die stets alles besser wissen, oder Leute in Berufen, die mit behinderten Menschen arbeiten und sie als Objekte sehen, für die sie entscheiden. Das trifft natürlich nicht auf alle zu, aber auf einen Teil. Und der bildet sich zu einer Struktur aus.

Um all diesen Mist abzubauen, brauchen wir Begegnung und Protest um die Teilhabe behinderter Menschen zu ermöglichen. Aber bitte klebt keine weiteren Plakate!

Kabarett Simpl: Mängel beim Eingang behoben

Kabarett Simpl: Mängel beim Eingang behoben published on

Text: Pepo Meia, Niels Cimpa
Das legendäre Kabarett Simpl in der Wollzeile im ersten Wiener Gemeindebezirk ist jedem Kabarett-Liebhaber ein Begriff. 

Für Besucher im Rollstuhl, die keine Begleitperson hatten, war es bisher nicht möglich, alleine Karten zu kaufen, um zu einem der drei Rollstuhl-Stellplätze zu gelangen, da der Eingang zum Kassenbereich eine fünf bis zehn cm hohe Stufe hatte. Folglich musste auch ein Angestellter kontaktiert werden (vom Kassabereich aus), damit man von einem Nebeneingang mit einem Aufzug in den Veranstaltungssaal gelangen konnte.

Schon im Mai 2018 wurde ein Schlichtungsverfahren von Kornelia Götzinger wegen der Stufe beim Haupteingang eingeleitet. Der damalige Geschäftsführer Albert Schmidleitner, versprach innerhalb eines halben Jahres (bis November 2018), diese bauliche Diskriminierung zu beseitigen. Dies ist bis Anfang 2020 nicht passiert.

Als der Inhaber, Michael Niavarani, damit konfrontiert wurde, sagte er prompt zu, die Mängel beheben zu lassen. Dies ist nun geschehen.

Wir bedanken uns im Namen aller Betroffenen.

Alle Termine: Der Simpl im Sommer im Park! – Auch Rollstuhl-Stellplätze sind selbstverständlich vorhanden

Artikel zum Thema:
Schlichtungsergebnis vorerst ignoriert
Der neue Inhaber vom Simpl, Michael Niavarani, hat nach neuerlicher Kontaktaufnahme sofort reagiert

Junger Comedian begeistert die Zuschauer

Junger Comedian begeistert die Zuschauer published on

Text: Isabella Krapf
Carl Josef, ein Teenager im Rollstuhl (Muskeldystrophie), begeisterte in der Comedy-Sendung „NightWash live“ das Publikum in Köln. Ein Gastauftritt in Wien wäre sicherlich ein Highlight.

Ein neues YouTube Video von Carl Josef: Völkerball ist wie Fortnite und Battlefield (15.02.2020)

100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich

100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich published on

Text: BMIN
Seit 100 Jahren kämpfen behinderte Menschen in Österreich um ihre Rechte. Das ist viel länger als bisher bekannt. Da gibt es sehr viele Erfahrungen – gute und sehr schlechte.

Die Spezialausgabe der Stimme (Zeitschrift der Initiative der Minderheiten) anlässlich 100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich ist im Juni 2020 erschienen. Sie entstand in redaktioneller Kooperation mit Petra Flieger, Angela Wegscheider (aus Linz) und Volker Schönwiese sowie bidok – der digitalen Bibliothek zu Behinderung und Inklusion. Das Heft hat 60 Seiten. Die meisten Texte haben eine gute Zusammenfassung in Leichter Sprache.

Die Beiträge widmen sich der Geschichte der Ersten und Zweiten Behindertenbewegung in Österreich und erforschen den Kampf für Selbstbestimmt Leben und Gleichstellung. Der Schwerpunkt beginnt mit einem Porträt über Siegfried Braun, zentraler Vertreter der ersten österreichischen Behindertenbewegung in den 1920er Jahren – ermordet 1944 in Auschwitz. Eine Langfassung dieser Erstveröffentlichung finden Sie auf bidok.at.

Die HerausgeberInnen konnten die Geschichte nicht vollständig erzählen. Diese Aufgabe ist groß und umfasst viel mehr Themen und Personengruppen. Uns ist es wichtig das Heft zu diskutieren. Was lernen wir aus den 100 Jahren für heute. Die Autoren freuen sich über Rückmeldungen!

Die Zeitschrift kann bestellt werden unter:
office@initiative.minderheiten.at

Siehe auch:
https://stimme.minderheiten.at/wordpress/ 

Die Texte können auch im Internet gelesen werden
https://stimme.minderheiten.at/wordpress/?fbclid=IwAR1xnPNwVLsZUCPLPAsqj34lub4XYRSKiAhHAQ3vD2z0hRB5xEbVI9FGWqU 

Barrierefrei sind die Texte (ohne LL-Texte) im Netz auf bidok.at zu finden:
http://bidok.uibk.ac.at/stimme.html

Audio-Beitrag zum Thema:
barrierefrei aufgerollt: Anfänge der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich (BIZEPS-online)
In dieser Sendung geben wir einen kleinen Einblick in die Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung, denn 2020 feiern wir 100 Jahre Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich.

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