{"id":4839,"date":"2017-12-28T16:29:51","date_gmt":"2017-12-28T15:29:51","guid":{"rendered":"http:\/\/bmin.info\/WP\/?p=4839"},"modified":"2017-12-29T23:23:41","modified_gmt":"2017-12-29T22:23:41","slug":"respekt-kein-mitleid-bitte-nicht-ins-dunkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bmin.info\/WP\/2017\/12\/28\/respekt-kein-mitleid-bitte-nicht-ins-dunkel\/","title":{"rendered":"Respekt, kein Mitleid: Bitte nicht ins Dunkel!"},"content":{"rendered":"<p>Text: Franz-Joseph Huainigg<br \/>\nIst da jemand? Das fragt seit 45 Jahren eine \u00e4ngstliche Kinderstimme in einen leeren, hallenden und dunklen Raum. Ja, wir sind da. Das meinen Menschen mit Behinderung und fordern einen Paradigmenwechsel von Licht ins Dunkel.<\/p>\n<p>Ein ungew\u00f6hnliches Casting, ein ungew\u00f6hnlicher Spot: Eine Frau begegnet einem Rollstuhlfahrer, streckt ihm die Hand hin, er sagt, dass er ihr leider nicht die Hand geben kann, sie ist \u00fcberrascht, aber so kommen sie ins Gespr\u00e4ch. Eine junge Frau trifft einen jungen Mann. Sie fragt ihn, ob er auch eine Behinderung habe. Er sieht sie verwundert an, da sagt sie ihm, dass sie blind ist. Unerwartete Begegnungen. Aus Unsicherheit entstehen Gespr\u00e4che und vielleicht sogar Freundschaften.<\/p>\n<p>Am Ende des Spots hei\u00dft es: Jede Begegnung kann ein Anfang sein. Ein neuer Spot der Aktion Licht ins Dunkel? Leider nein. Es ist einer von zahlreichen Spots der deutschen Aktion Mensch, ber\u00fchrend, authentisch, ohne Mitleid.<\/p>\n<p><strong>Eigenwerbung statt Bewusstsein zu schaffen<\/strong><br \/>\nIm offiziellen &#8222;Licht ins Dunkel&#8220;-Trailer finden keine Begegnungen mit Menschen mit Behinderungen statt. Alleine Nina Proll wirbt f\u00fcr eine Spenden-CD mit vielen Stars. Statt Bewusstsein zu schaffen, wie es die Aktion Mensch macht, setzt der ORF auf Eigenwerbung. Auch A1 klopft sich als langj\u00e4hriger Technologie-Partner von Licht ins Dunkel auf die Schulter: Untermalt von getragener Musik sieht man Mitarbeiter im Callcenter, lachende behinderte Kinder und die nach oben schnellende Spendensumme.<\/p>\n<p>Am Ende des Spots hei\u00dft es: &#8222;Du kannst Hoffnung schenken, du kannst alles!&#8220; Gut, dass A1 Licht ins Dunkel unterst\u00fctzt. Aber w\u00e4re es nicht sinnvoller, wenn A1 im Callcenter Menschen mit Behinderungen besch\u00e4ftigen w\u00fcrde? Zu sehen ist es jedenfalls nicht.<\/p>\n<p><strong>Kritik an Rekordjagd<\/strong><br \/>\nBehindertenvertreter kritisieren seit vielen Jahren, dass Licht ins Dunkel von einem Rekord der Spendenergebnisse zum n\u00e4chsten hetzt. Sinnvoller w\u00e4re es, wenn die Unternehmenspartner Menschen mit Behinderungen besch\u00e4ftigten oder in ihren Unternehmen das Geld f\u00fcr Barrierefreiheit einsetzten. Auch eine vom Bundeskanzleramt in Auftrag gegeben Studie zur Darstellung behinderter Menschen in den Medien 2015\/16 \u00fcbt massive Kritik an der Aktion Licht ins Dunkel:<\/p>\n<p>\u2022 Mit der Aktion Licht ins Dunkel hat der ORF in den letzten 45 Jahren das gesellschaftliche Bild von Menschen mit Behinderungen wesentlich gepr\u00e4gt. Aber nicht unbedingt im positiven Sinn: Im Vordergrund stehen sie als Almosen- und F\u00fcrsorgeempf\u00e4nger.<br \/>\n\u2022 Die h\u00e4ufig gew\u00e4hlte Darstellungsform von Menschen mit Behinderungen als Bittsteller und Opfer widerspricht einer w\u00fcrdevollen Berichterstattung \u00fcber Menschen mit Behinderungen und l\u00e4sst vorherrschende Barrieren in der Gesellschaft unkommentiert und unver\u00e4ndert.<br \/>\n\u2022 Menschen mit Behinderungen sollten im Programm sichtbarer werden, z. B. als Moderatoren, Experten, Studiog\u00e4ste und Mitarbeiter. Gefordert wird die Partizipation von Menschen mit Behinderung bei der Gestaltung und der Programmentwicklung \u00e4hnlich der Aktion Mensch.<\/p>\n<p>Eine wesentliche Weiterentwicklung kann man der Kampagne Licht ins Dunkel in den letzten Jahren zwar zugestehen: Es gibt Moderatorinnen im Rollstuhl, die Sendung wird untertitelt, und es gibt Geb\u00e4rdensprachdolmetschung. Aber der gro\u00dfe, dringend erforderliche Paradigmenwechsel, der bei der vergleichbaren deutschen Aktion Mensch stattgefunden hat, stattgefunden hat, ist ausgeblieben.<\/p>\n<p><strong>Aktion Sorgenkind<\/strong><br \/>\nDie urspr\u00fcngliche Aktion Sorgenkind war eine Marke mit 100 Prozent Bekanntheitsgrad, aber verbildlichte ein diskriminierendes Klischee, denn behinderte Menschen wollten nicht l\u00e4nger als Sorgenkinder dargestellt werden. Im Jahr 2000 wurden Menschen mit Behinderungen in die F\u00fchrung der Aktion aktiv eingebunden. Die Folge war nicht nur eine Marken\u00e4nderung zur Aktion Mensch, sondern auch eine inhaltliche Neuausrichtung zu mehr Vernetzung, F\u00f6rderung von inklusiven Projekten und der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung.<br \/>\nVorsitzender Armin v. Buttlar sagt heute, dass die Namens\u00e4nderung ein gro\u00dfer Gewinn war. Durch die Einf\u00fchrung des neuen Markennamens musste auch der gesellschaftliche Paradigmenwechsel, weg von Almosen, F\u00fcrsorge und Mitleid hin zu Barrierefreiheit, Inklusion und selbstbestimmtem Leben, kommuniziert werden. Auch die Marke Licht ins Dunkel ist gut eingesessen, aber nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df: Menschen mit Behinderungen, die im Dunkeln sitzen und auf die lichtbringenden Spender warten, widersprechen dem Selbstbild von Behinderten und auch der UN-Behindertenrechtskonvention.<\/p>\n<p><strong>ORF-Kampagne ohne Betroffene<\/strong><br \/>\nDer &#8222;Licht ins Dunkel&#8220;-Gr\u00fcnder, Ernst Wolfram Marboe, sagte einst: &#8222;Licht ins Dunkel geh\u00f6rt zu Weihnachten wie der Guglhupf zum Kaffee.&#8220; Allein man k\u00f6nnte auch einmal jene zum Guglhupfessen einladen, \u00fcber die man 45 Jahre nur gesprochen hat.<br \/>\nDie ORF-Kampagne hat mit den hohen Einschaltquoten ein gro\u00dfes Potenzial, das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu ver\u00e4ndern. Nicht nur zu Weihnachten, auch unterm Jahr. Andere Spots, andere Initiativen, Vernetzung und Information \u00e4hnlich dem deutschen Vorbild w\u00e4ren m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Auch sollte der ORF behinderte Journalisten ausbilden und in die Redaktionen<br \/>\ninkludieren. W\u00e4ren eine blinde Radiomoderatorin oder ein &#8222;ZiB 2&#8220;-Pr\u00e4sentator im Rollstuhl unm\u00f6glich? Oder k\u00f6nnte nicht ORF-Online von Redakteuren mit Lernbehinderungen in einfacher Sprache gestaltet werden? W\u00fcnschen darf man sich etwas, es ist ja Weihnachten!<\/p>\n<p>Quelle: Der Standard \/ Franz-Joseph Huainigg ist Autor und Medienp\u00e4dagoge.<\/p>\n<p>Artikel zum Thema:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bizeps.or.at\/stellt-die-aktion-licht-ins-dunkel-ein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stellt die Aktion \u201eLicht ins Dunkel\u201c ein!<\/a> BIZEPS online \/ 27.11.2007<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bmin.info\/N-Archiv\/BMIN.achrichten\/Nachrichten\/Eintrage\/2013\/1\/31_Zum_2ten_Mal_beschaftigt_sich_Zitronenwasser_TV_mit_Licht_ins_Dunkel.html\">Zum 2ten Mal besch\u00e4ftigt sich Zitronenwasser TV mit Licht ins Dunkel <\/a>BIZEPS online \/ 31. J\u00e4nner 2013<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bmin.info\/N-Archiv\/BMIN.achrichten\/Nachrichten\/Eintrage\/2014\/11\/21_Licht_ins_Dunkel_(LID)_und_Fundraiser_-_Unsaubere_Methoden%2C_um_Spendengelder_zu_lukrieren.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Licht ins Dunkel (LID) und Fundraiser \u2013 Unsaubere Methoden um Spendengelder zu lukrieren<\/a> BMIN-Nachrichten \/ 21. November 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text: Franz-Joseph Huainigg Ist da jemand? Das fragt seit 45 Jahren eine \u00e4ngstliche Kinderstimme in einen leeren, hallenden und dunklen Raum. Ja, wir sind da. Das meinen Menschen mit Behinderung und fordern einen Paradigmenwechsel von Licht ins Dunkel. 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