{"id":7857,"date":"2020-08-07T12:22:00","date_gmt":"2020-08-07T11:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/bmin.info\/WP\/?p=7857"},"modified":"2020-08-26T12:43:24","modified_gmt":"2020-08-26T11:43:24","slug":"die-luegen-der-wohlfahrtsverbaende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bmin.info\/WP\/2020\/08\/07\/die-luegen-der-wohlfahrtsverbaende\/","title":{"rendered":"Die L\u00fcgen der Wohlfahrtsverb\u00e4nde"},"content":{"rendered":"\n<p>Text: <a href=\"https:\/\/raul.de\">Raul Krauthausen<\/a>  (ein Kommentar)<br \/><strong>Wer erst \u201cBarrieren in den K\u00f6pfen\u201d beseitigen will, betreibt die gleiche Augenwischerei wie Wei\u00dfe, die nichts gegen ihren Rassismus tun wollen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann diese Plakate nicht mehr sehen. Sie l\u00e4cheln mich auf der Stra\u00dfe an, von Litfa\u00dfs\u00e4ulen herab gr\u00fc\u00dfen Gesichter gl\u00fcckliche Erwachsene und noch gl\u00fccklichere Kinder. Aufkl\u00e4rung soll das sein.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Barrieren-im-Kopf.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7875\" width=\"465\" height=\"276\" srcset=\"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Barrieren-im-Kopf.jpg 930w, https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Barrieren-im-Kopf-300x178.jpg 300w, https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Barrieren-im-Kopf-768x456.jpg 768w, https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Barrieren-im-Kopf-144x85.jpg 144w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Fast alle Wohlfahrtsverb\u00e4nde in Deutschland argumentieren, man m\u00fcsse sensibilisieren, f\u00fcr die Belange der Menschen mit Behinderung. Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sie wecken.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich wollen sie dar\u00fcber aufkl\u00e4ren, dass Menschen mit Behinderung auch Menschen sind. F\u00fcr diese Binse investieren sie Millionen von Euro in Werbekampagnen, und dann sind Deutschlands Stra\u00dfen voll mit l\u00e4chelnden Gesichtern \u2013 eindimensional auf Papier und damit in Parallelgesellschaften wie den isolierten Werkst\u00e4tten und Wohnheimen eingerahmt, w\u00e4hrend nicht wenige Geb\u00e4ude in der dreidimensionalen Welt dieser Stra\u00dfen kaum barrierefrei sind, was eines der Probleme ist, um die wir uns zuallererst k\u00fcmmern sollten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Es ist zum M\u00e4usemelken<\/em><\/strong><br \/><em>\u201eAll diese Kampagnen und das Gerede \u00fcber Inklusion verschieben ein wichtiges Problem auf den Sankt-Nimmerleinstag: elementare Rechte von Menschen mit Behinderung werden ignoriert.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcssen wir etwa M\u00e4nner daf\u00fcr sensibilisieren, dass Frauen auch Menschen sind? Oder dass Nichtdeutsche auch Menschen sind? Hat sich ein einziger Nazi durch das Anschauen eines Plakats gedacht: \u201eStimmt, Ausl\u00e4nder sollte ich eigentlich nicht jagen \u2026\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Let\u2019s meet<\/em><\/strong><br \/>Was einen Rassisten vielleicht bekehrt, ist die Begegnung. Das schafft eine Chance. Wenn also Wohlfahrtsverb\u00e4nde lamentieren, man m\u00fcsse erst einmal \u201cdie Barrieren in den K\u00f6pfen\u201d der Gesellschaft abbauen, dann irren sie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erst einmal m\u00fcssen die Schulen barrierefrei gemacht werden, die Stra\u00dfen und die Verkehrsmittel \u2013 damit wir uns \u00fcberhaupt begegnen k\u00f6nnen. Nur dann k\u00f6nnen wir uns um die Barrieren in den K\u00f6pfen k\u00fcmmern.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wohlfahrtsverb\u00e4nde aber lamentieren \u00fcber den zweiten Schritt, um den ersten nicht machen zu m\u00fcssen. Sie irren absichtlich&nbsp;\u2013 und damit l\u00fcgen sie. Denn so bleibt alles, wie es war. Und das bedeutet: Keine \u00dcberlegenen ohne Unterlegene.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Forschungsbereich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wei%C3%9Fsein\"><em>Critical Whiteness<\/em><\/a> besch\u00e4ftigt sich mit dem Wei\u00dfsein als Norm, welche Privilegien mit sich bringt. Die Mehrheit schafft dadurch strukturierte Ungleichgewichte und eine \u00dcberlegenheitsposition von Wei\u00dfen, \u00fcber die sie wenig nachdenken. Wer nicht zu den Wei\u00dfen geh\u00f6rt, muss sich dann stets mit dem Rassismus auseinandersetzen, ob er will oder nicht. Denn der ist da.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich werden People of Color in den K\u00f6pfen als fremd eingestuft. Damit schafft das Wei\u00dfsein einen unsichtbaren Ma\u00dfstab f\u00fcr das Leben in Deutschland. Und es werden haufenweise Klischees geschaffen, bewusste und unbewusste (Stichwort: \u201eStuttgarter Randale\u201c), die gef\u00e4hrlicher sind als die offene Anfeindung eines \u201eAusl\u00e4nder raus\u201c br\u00fcllenden Nazis, weil man Journalisten oder Oberb\u00fcrgermeistern eher glaubt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Normen des Wei\u00dfseins lassen sich auch nicht erfolgreich ausblenden, denn Aussagen wie <em>\u201cIch sehe keine Hautfarben\u201d<\/em> oder <em>\u201cF\u00fcr mich sind alle Menschen gleich\u201d<\/em> verwischen die Diffamierungserfahrungen, die Menschen machen und m\u00fcnden in Ignoranz. Daher h\u00f6ren wir nun allerorten, dass Wei\u00dfe hinh\u00f6ren sollen, sich zur\u00fccknehmen sollen, Begegnungen zulassen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ein Problem<\/em><\/strong><br \/>Wei\u00dfe leben in einer Gesellschaft, in der sie sich wohl f\u00fchlen k\u00f6nnen, denn sie sind stets repr\u00e4sentiert, da dr\u00e4ngt sich die Notwendigkeit einer Besch\u00e4ftigung mit Rassismus nicht durch die Vordert\u00fcr auf. Weist man sie dann auf rassistisches Verhalten hin, reagieren sie zuweilen pikiert bis ablehnend. Will man ja nicht h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens sehen Wei\u00dfe sich nat\u00fcrlich als Individuen, w\u00e4hrend People of Color von ihnen als Mitglieder einer Gruppe wahrgenommen werden. Linke und Liberale schlie\u00dflich sollten nicht so tun, als k\u00f6nnten sie nicht rassistisch sein \u2013 das macht sie nur weniger offen und versch\u00e4rft das Problem.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Auf und zu einer Schublade<\/em><\/strong><br \/>Was dieser Exkurs soll? Ich werde ihn nun in die Lebenserfahrungen \u00fcbersetzen, die Menschen mit Behinderung machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Norm in Deutschland ist, dass man nicht behindert ist. Menschen ohne Behinderung schaffen ein strukturiertes Ungleichgewicht, in dem Menschen mit Behinderung als anders wahrgenommen werden. Menschen mit Behinderung m\u00fcssen bangen und k\u00e4mpfen, damit sie eine Schulbildung und eine Chance auf dem Arbeitsmarkt wie die \u201eAnderen\u201c erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie m\u00fcssen sich jeden Tag mit Diskriminierung auseinandersetzen: Wenn sie zum Beispiel irgendwo nicht weiterkommen, wenn man sie bevormundet oder \u00fcber sie hinweg sieht. Immerhin blicken Menschen mit Behinderung auf eine lange Geschichte der Aussonderung zur\u00fcck. Sie wurden fr\u00fcher weggesperrt und in der Nazizeit gar massenhaft ermordet, und heute leben und arbeiten sie oft isoliert in Sondereinrichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser unsichtbare Ma\u00dfstab hat Folgen. Denn wenn eine Behinderung als eine Abweichung wahrgenommen wird, setzt sich das medizinische Modell von Behinderung durch: Dann ist Behinderung ein Mangel, eine Krankheit. Dies aber stimmt meist nicht mit den eigenen Realit\u00e4ten der Menschen \u00fcberein, die mit ihrer Behinderung leben und sie als Teil ihrer Identit\u00e4t kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch wir haben unsere Journalist*innen und Oberb\u00fcrgermeister*innen, die zu einer verfahrenen Situation beitragen: Werkst\u00e4tten f\u00fcr behinderte Menschen genie\u00dfen einen guten Ruf, obwohl sie in Wirklichkeit unterfordernde Sondereinrichtungen sind. Endlos sind die Tiraden in der Mehrheitsgesellschaft, die davon labert, wie \u201egut eingebunden\u201c man durch die Werkstatt in die Arbeitswelt sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist auch falsch,&nbsp; von einer \u201eFarbblindheit\u201c zu sprechen und alles zu verwischen, weil ja jeder irgendwie eine Behinderung habe \u2013 denn so wird auf Diffamierungserfahrungen ein Deckel gest\u00fclpt, ein Diskurs unterbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem Menschen, denen eine Behinderung fehlt, sind die, die \u00fcber Menschen mit einer solchen reden. Sie beurteilen und legen fest. Daher gibt es nun den Appell, dass sie sich zur\u00fccknehmen sollten, zuh\u00f6ren sollten: Nichts \u00fcber uns, ohne uns! Das geschieht nicht folgenlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer einen Menschen ohne Behinderung auf sein Fehlverhalten hinweist, etwa auf Bevormundung oder ungefragtes Ber\u00fchren, h\u00f6rt zuweilen pikiert: <em>\u201eIch wollte doch nur helfen\u201c<\/em> \u2013 und man ist in der Ecke des undankbaren, griesgr\u00e4migen Kr\u00fcppels. Von Linken und Liberalen k\u00f6nnen wir auch manches Lied singen. Da gibt es die Helikopter-Eltern, die stets alles besser wissen, oder Leute in Berufen, die mit behinderten Menschen arbeiten und sie als Objekte sehen, f\u00fcr die sie entscheiden. Das trifft nat\u00fcrlich nicht auf alle zu, aber auf einen Teil. Und der bildet sich zu einer Struktur aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Um all diesen Mist abzubauen, brauchen wir Begegnung und Protest um die Teilhabe behinderter Menschen zu erm\u00f6glichen. Aber bitte klebt keine weiteren Plakate<\/strong>!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text: Raul Krauthausen (ein Kommentar)Wer erst \u201cBarrieren in den K\u00f6pfen\u201d beseitigen will, betreibt die gleiche Augenwischerei wie Wei\u00dfe, die nichts gegen ihren Rassismus tun wollen. Ich kann diese Plakate nicht mehr sehen. Sie l\u00e4cheln mich auf der Stra\u00dfe an, von Litfa\u00dfs\u00e4ulen herab gr\u00fc\u00dfen Gesichter gl\u00fcckliche Erwachsene und noch gl\u00fccklichere Kinder. Aufkl\u00e4rung soll das sein. 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