{"id":8064,"date":"2020-09-20T11:23:00","date_gmt":"2020-09-20T10:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/bmin.info\/WP\/?p=8064"},"modified":"2020-09-21T07:24:36","modified_gmt":"2020-09-21T06:24:36","slug":"zum-tod-von-eduard-riha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bmin.info\/WP\/2020\/09\/20\/zum-tod-von-eduard-riha\/","title":{"rendered":"Zum Tod von Eduard Riha"},"content":{"rendered":"<p>Text: Erwin Riess<br \/>\n<b><i>Herr Groll erinnert sich\u2026<br \/>\n<\/i><\/b>Am fr\u00fchen Nachmittag des 10. September 2020 st\u00fcrmte der Dozent in den Gastgarten des Binder-Heurigen in Floridsdorf. Herr Groll sa\u00df vor einem Glas Wein und schrieb in ein kariertes Heft. Der Dozent nahm Platz.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eGesch\u00e4tzter Groll! Die Nachricht vom Tod Eduard Rihas schockiert nicht nur die Behinderten-Community. Ich wei\u00df, da\u00df er in den letzten Jahren krank war und sehr zur\u00fcckgezogen lebte. Nicht einmal die engsten Freunde und Freundinnen bekamen Zutritt. Sonst wei\u00df ich wenig \u00fcber ihn. Sie waren doch einer seiner \u00e4ltesten Freunde, und ein Nachbar obendrein. Schlie\u00dflich teilten sie beide die Liebe zur Literatur und die Treue zum selben Weingut nahe Retz. So etwas verbindet. Ich m\u00f6chte mehr \u00fcber ihn wissen. Ich bitte Sie daher: Erz\u00e4hlen Sie mir von Eduard Riha.\u201c<\/p>\n<p>Herr Groll legte Block und Stift zur Seite, nahm einen Schluck vom Rotwein und erz\u00e4hlte:<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eAlles begann damit, da\u00df ich im November 1985 eine behindertengerechte Wohnung in der Gerasdorferstra\u00dfe bezog. Damals lag der Schnee knietief, zwischen dem Stammersdorfer Heeresspital und meiner Wohnanlage hatten Unverzagte eine Langlaufloipe gespurt. Als ich meinen Wagen unter dem Carport abstellte, sah ich zwei Stiegen weiter einen Rollstuhlfahrer, der eben vom Fahrersitz auf einen Rollstuhl wechselte. Die paar schneeverwehten Meter zur Eingangst\u00fcr waren f\u00fcr meinen Nachbarn Eduard Riha wie f\u00fcr mich eine Herausforderung, die wir aber beide meisterten. Wie wir die n\u00e4chsten 35 Jahre manch andere Herausforderung bew\u00e4ltigten, ob es sich um Gro\u00dfdemonstrationen zur Einf\u00fchrung des Pflegegelds oder, Jahre sp\u00e4ter, zur Verhinderung von dessen Abschaffung handelte oder um die Bew\u00e4ltigung einer steilen Rampe bei unserem Lieblingsrestaurant \u201eMilitzis\u201c am Meerufer Larnacas, wo wir in den 90er Jahren oft zu Gast waren.<br \/>\nIch arbeitete damals im Bautenministerium und betreute Wohnbauforschungsprojekte. Eine Studie hie\u00df &#8222;Durchsetzungsbedingungen behindertengerechten Bauens&#8220;, die Experten des Instituts f\u00fcr Soziales Design und Eduard Riha von der Behindertendachorganisation wu\u00dften l\u00e4ngst wie barrierefreies Bauen funktioniert. Sie wandten sich daher der zentralen Frage zu: welche gesetzlichen H\u00fcrden in Landesbauordnungen und Denkmalschutzbestimmungen m\u00fcssen beseitigt werden, um die gebaute Umwelt f\u00fcr alle Personengruppen nutzbar zu machen. Damit ist auch schon der Schwerpunkt von Rihas Arbeit benannt.<br \/>\nIm Windschatten des legend\u00e4ren Architekten G\u00fcnther Feuerstein, dem Pionier des barrierefreien Bauens und Wohnens, und der Expertentroika vom Institut f\u00fcr Soziales Design (Hans Hovorka, Dieter Berdel und Peter Pruner) entwickelte Eduard Riha sich zum ersten selbst betroffenen Fachmann auf diesem Gebiet in \u00d6sterreich. Er arbeitete und verhandelte seine Sache im Normungsinstitut, im Denkmalschutzamt und auf europ\u00e4ischer Ebene bei Fachkonferenzen in Athen, Stockholm, Lissabon oder Br\u00fcssel.<br \/>\nWie so oft bei Pionieren war es Eduard nicht verg\u00f6nnt gewesen, ein Studium (des Bauingenieurwesens) zu absolvieren, Anfang der 70er Jahre war die Technische Universit\u00e4t f\u00fcr Rollstuhlfahrer nicht zug\u00e4nglich. Mehr noch: Damals waren behinderte Menschen auf freier Wildbahn bestaunte Exoten. Eduard Riha bildete in \u00d6sterreich mit wenigen anderen Pionierinnen und Pionieren die Vorhut dessen, was sp\u00e4ter einmal \u201eSelbstbestimmt-Leben-Bewegung\u201c genannt werden sollte. In dieser Zeit entfaltete er eine fieberhafte T\u00e4tigkeit im Bau- und Medienbereich. Schlie\u00dflich wurde er zum Generalsekret\u00e4r der Behindertendachorganisation bestellt. Viele Jahre war er auch Chefredakteur der Verbandszeitschrift \u201eMonat\u201c.<br \/>\nWenn ich ihn abends besuchte, sa\u00df er meist \u00fcber Baupl\u00e4nen, Manuskripten oder Korrekturfahnen. Aber nicht nur Architektur und \u201eDesign for all\u201c besch\u00e4ftigten Eduard, wir verbrachten auch viel Zeit damit, uns \u00fcber Literatur auszutauschen. Vom Donauschriftsteller Adelbert Muhr erwarben wir in Antiquariaten nach und nach alle Romane und Reiseerz\u00e4hlungen, die klassischen Texte von Rabelais, Swift und Samuel Pepys kursierten zwischen uns ebenso wie die historischen-kritischen Romane von Fruttero &amp; Lucentini, Monaldi &amp; Sorti, James Lee Burke und Doris Gercke. Zwanzig Jahre lang erschien eine Groll-Kolumne in Rihas Zeitschrift, an den Groll-Romanen nahm er intensiv Anteil, sparte nicht mit Ratschl\u00e4gen und solidarischer Kritik.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eIch will nicht unh\u00f6flich sein\u201c, sagte der Dozent. \u201eAber ich m\u00f6chte zu gern wissen, was Sie da schreiben. Einen Nachruf?\u201c<\/p>\n<p>Herr Groll nahm einen weiteren Schluck vom Wein und sagte: \u201eDieses Buch, es gab im Laufe der Jahre mehrere, diente uns beiden als Verst\u00e4ndigungsmittel f\u00fcr Notizen, Ideen, Pl\u00e4ne und Rezepte \u2013 Edi war ein hervorragender Koch. Wir nannten es unser Logbuch. Dies wird der letzte Eintrag. Sie k\u00f6nnen jetzt ein Viertel Zweigelt bestellen. Edi h\u00e4tte nichts dagegen.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der Dozent drehte sich um und hob die Hand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text: Erwin Riess Herr Groll erinnert sich\u2026 Am fr\u00fchen Nachmittag des 10. September 2020 st\u00fcrmte der Dozent in den Gastgarten des Binder-Heurigen in Floridsdorf. Herr Groll sa\u00df vor einem Glas Wein und schrieb in ein kariertes Heft. Der Dozent nahm Platz.\u00a0 \u201eGesch\u00e4tzter Groll! Die Nachricht vom Tod Eduard Rihas schockiert nicht nur die Behinderten-Community. Ich&#8230; <a href=\"https:\/\/bmin.info\/WP\/2020\/09\/20\/zum-tod-von-eduard-riha\/\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Zum Tod von Eduard Riha<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-8064","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-info"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8064"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8064\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8070,"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8064\/revisions\/8070"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bmin.info\/WP\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}