{"id":8229,"date":"2020-12-04T10:54:00","date_gmt":"2020-12-04T09:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/bmin.info\/WP\/?p=8229"},"modified":"2020-12-08T09:15:16","modified_gmt":"2020-12-08T08:15:16","slug":"geliehene-arme-und-beine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bmin.info\/WP\/2020\/12\/04\/geliehene-arme-und-beine\/","title":{"rendered":"Geliehene Arme und Beine"},"content":{"rendered":"<p>Text: Jana Reininger<br \/>Rund 2.000 Menschen in \u00d6sterreich nehmen aufgrund einer Behinderung pers\u00f6nliche Assistenz in Anspruch. W\u00e4hrend der Bund beruflich notwendige Assistenz finanziert, ist sie im Privaten nur unter prek\u00e4ren Konditionen m\u00f6glich. Das macht allen Beteiligten das Leben schwer.<\/p>\n<p>Wenn Gabriela Obermeir morgens aufwacht, bleibt sie erstmal liegen. Dann blickt sie auf die gelb gestrichene Decke \u00fcber sich, auf die Uhr zu ihrer linken Seite oder zu den Bildern, die am anderen Ende des Raumes h\u00e4ngen. An manchen Tagen vergeht die Zeit schnell. An anderen denkt sie sich Wortketten aus, um die Zeit zu vertreiben. Gabriela Obermeir w\u00e4re bettl\u00e4gerig \u2013 w\u00fcrde sie nicht Tag f\u00fcr Tag von ihren Pers\u00f6nlichen Assistenten unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Als sie sich vergangenes Jahr selbst aus dem Bett in den Rollstuhl hieven wollte, brach sie sich das Bein. Der Sturz auf den Parkettboden war in Kombination mit ihrer Autoimmunerkrankung fatal. Knapp ein Jahr verbrachte sie anschlie\u00dfend im Krankenhaus. Weil auf das eine das andere folgte, Behandlungen weitere Behandlungen nach sich zogen und sich ihre Entlassung immer weiter verz\u00f6gerte. Seitdem bleibt sie morgens lieber liegen und wartet auf den Dienstbeginn ihres Assistenten. Gabriela Obermeir ist seit 2011 Pers\u00f6nliche Assistenznehmerin \u2013 \u203a\u200adie beste Entscheidung, die ich h\u00e4tte treffen k\u00f6nnen\u200a\u2039, wie sie sagt. Das bedeutet, dass sie Arbeitgeberin f\u00fcr f\u00fcnf Menschen ist, die in wechselnden Diensten all die Dinge tun, die sie selbst wegen ihrer krankheitsbedingten Bewegungseinschr\u00e4nkungen nicht mehr tun kann. \u203a\u200aEine Art Verl\u00e4ngerung der Arme und Beine\u200a\u2039, wie ihr Assistent In-Ja Ackermann hinzuf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Solcherart \u203a\u200averl\u00e4ngerte Arme und Beine\u200a\u2039 haben in \u00d6sterreich 2.000 Menschen, so eine Sch\u00e4tzung der Organisation BIZEPS \u2013 Zentrum f\u00fcr Selbstbestimmtes Leben in Wien. In der \u00f6sterreichischen Hauptstadt sollen laut BIZEPS rund 400 Menschen Pers\u00f6nliche Assistenz in Anspruch nehmen, auch in Tirol besteht ein hohes Unterst\u00fctzungsausma\u00df. In anderen Bundesl\u00e4ndern sind die Zahlen weitaus geringer. Genau l\u00e4sst sich das allerdings nicht sagen, denn je nach Assistenzform sind unterschied\u00adliche Instanzen f\u00fcr die Verwaltung zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nliche Assistenz ist ein Modell, das Menschen mit k\u00f6rperlichen Behinderungen eine h\u00f6here Lebensqualit\u00e4t erm\u00f6glicht \u2013 im Sinne des selbstbestimmten Lebens. Dadurch unterscheidet es sich von der Pflege. Allerdings funktioniert das Modell nur mit finanzieller Unterst\u00fctzung, die in vielen F\u00e4llen nicht ausreicht. Pers\u00f6nliche Assistenten im Berufsalltag sind bei den jeweiligen Assistenznehmern angestellt \u2013 und damit sozial abgesichert, weil der Bund daf\u00fcr die vollen Kosten \u00fcbernimmt. F\u00fcr die genauso notwendige Assistenz im Privatleben hingegen gelten in jedem Bundesland andere Konditionen. In Wien sind Assistenten freie Dienstnehmer, die von der Stadt gef\u00f6rdert werden. In Summe bleiben f\u00fcr die Assistenten st\u00fcndlich oft nicht mehr als elf Euro netto \u00fcbrig. Weil nicht nur der Stundensatz, sondern auch die Berechnung des allt\u00e4glichen Stundenbedarfs und somit die gesamte F\u00f6rdersumme oft gering ausf\u00e4llt, entsteht f\u00fcr Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, ein problematischer Alltag. Sie geraten in finanzielle Schwierigkeiten, in riskante Situationen oder rutschen in die Isolation. Dabei liegen seitens des Arbeits- und Sozialgerichts l\u00e4ngst Urteile dar\u00fcber vor, dass Pers\u00f6nliche Assistenten aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht \u00fcber ein Anstellungsverh\u00e4ltnis verf\u00fcgen sollten\u200a: Weil sie weisungsgebunden und nach Dienstplan arbeiten und dabei keineswegs \u00fcber Freiheiten verf\u00fcgen, die im freien Dienstvertrag \u00fcblich sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u203a\u200aWenn niemand da ist, ist das f\u00fcr mich lebensgef\u00e4hrlich\u200a\u2039, erz\u00e4hlt Thomas Stix. Er sitzt in der Mitte des gro\u00dfen, beinahe leer wirkenden Raumes seines B\u00fcros. Durch das ge\u00f6ffnete Fenster sind vergn\u00fcgte Schreie vom nahegelegenen Spielplatz zu h\u00f6ren. \u203a\u200aMir muss nur die Hand von der Armlehne rutschen und ich erreiche im Notfall nicht mal mehr das Handy\u200a\u2039, f\u00e4hrt er fort.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u203a\u200aWenn ich beim Atmen Unterst\u00fctzung brauche, wenn ich mich verschlucke und nicht selber aushusten kann, dann wird es existenziell lebensbedrohlich\u200a\u2039, erkl\u00e4rt auch Dorothea Bro\u017cek. Aber auch in weniger drastischen Situationen ist das Einsparen von Stunden wegen zu geringer F\u00f6rdersummen unangenehm. Und entw\u00fcrdigend, wie die Assistenznehmerin hinzuf\u00fcgt. \u203a\u200aWenn ich Unterst\u00fctzung brauche, um auf die Toilette zu gehen. Wenn sich ein Insekt auf mich setzt und mich sticht. Das klingt banal, aber in der Praxis sind das Schei\u00dfsituationen.\u200a\u2039 Dorothea Bro\u017ceks Stimme bebt.<\/p>\n<p>Der komplette Artikel: <a href=\"https:\/\/datum.at\/geliehene-arme-und-beine\/?fbclid=IwAR1CzpJLPHKJ4YhQ87zWSvmliI94KSm7wPeVtNyaiQzt9TMLwBOSSE5Mjqw\">Geliehene Arme und Beine<\/a> (Magazin DATUM.at \/ Ausgabe November 2020)<\/p>\n<p><strong>Artikel zum Thema:<\/strong><br \/><a href=\"https:\/\/bmin.info\/WP\/2020\/12\/05\/wien-pge-pflegegeldergaenzungsleistung-erhoehung-ab-1-1-2020\/\" data-rich-text-format-boundary=\"true\">Pflegegelderg\u00e4nzungsleistung: Erh\u00f6hung ab 1.1.2021<\/a><br \/><em>Sonderl\u00f6sung von 2020 wird nicht weitergef\u00fchrt. Erh\u00f6hung des Pflegegeldes wird wieder abgezogen<\/em><b><\/b><b><\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bmin.info\/WP\/2020\/12\/04\/persoenliche-assistenz-die-grenzen-der-selbstbestimmung-und-der-bundeslaender\/\">Pers\u00f6nliche Assistenz: Die Grenzen der Selbstbestimmung \u2013 und der Bundesl\u00e4nder<\/a><br \/><em>Menschen mit Behinderungen k\u00f6nnen F\u00f6rderungen f\u00fcr Assistenz im Privatbereich beziehen. Was und wie viel dabei m\u00f6glich ist, entscheidet jedes Bundesland f\u00fcr sich. Das sorgt f\u00fcr Chaos. Und es wird in einem Bereich eingespart, der f\u00fcr viele lebenswichtig ist.<\/em><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text: Jana ReiningerRund 2.000 Menschen in \u00d6sterreich nehmen aufgrund einer Behinderung pers\u00f6nliche Assistenz in Anspruch. W\u00e4hrend der Bund beruflich notwendige Assistenz finanziert, ist sie im Privaten nur unter prek\u00e4ren Konditionen m\u00f6glich. 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